Eine 18-stündige Busfahrt inklusive geplatztem Reifen, Buswechsel und Drogenkontrolle durchs Militär später erreichen wir auch schon unser Ziel der brasilianischen Reise: Die Küste! Die Insel Santa Catarina mit der Stadt Florianópolis soll unser Startpunkt sein.

Florianópolis und Santa Catarina
Was hier gleich ins Auge fällt: frau trägt bauchfrei. Nach den noch jungen Erinnerungen an die traditionelle Kleidung in Bolivien, die außer Gesicht, Händen und Füßen keinerlei Haut zeigt, ist das noch ein ungewohnter Anblick. Mir aber gerade bei heißen Temperaturen gar nicht unlieb. Lädt es doch selbst zu ein bisschen mehr Freizügigkeit ein. Das klassische Tagesoutfit der Mädels: Bikinioberteil, Shorts, Flipflops.
Was als nächstes auffällt: Preisschocker! Welcome back to High Season in der Tourigegend: Preise sind gleich dreimal so teuer wie noch im Reiseführer von 2021 angegeben. Das Frühstück in einem netten Café: der dreifache Preis eines kompletten Mittagsmenüs in Bolivien oder Kolumbien, huiuiui.
Nun denn. Von Florianópolis aus unternehmen wir eine kleine Bootsfahrt durch die Lagoa da Conceiçåo und finden uns – das erste Mal nach langem – mal wieder an einem Strand wieder. Und an was für einem! Am Praia da Barra begrüßt uns heller, weicher Pudersand, es wird Strandfußball gespielt, Sonnenschirme und Essenswägen reihen sich aneinander und zum ersten Mal sehe ich betagte Damen, Alter 70+, ganz selbstverständlich im Tanga Bikini die Wasserkante entlang laufen. Kurzum: Es gibt allerhand zu sehen 😉
Die Landschaft ist mega schön. Um unserem Entdeckungsdrang nachzugehen, erkunden wir einen kleinen Wald direkt am Strand (den wir wegen der Mückenplage gleich wieder verlassen) und weitere Buchten in der Nähe. Unbedingt wollen wir zu den Piscinas Naturais, einer Felsformation mit natürlichen kleinen Pools zum Schwimmen, in die man vom Felsen aus reinspringen kann. Bei sowas strahlt Udos Gesicht schon vom Erzählen, also können wir das natürlich nicht auslassen. Auch wenn der Weg dahin eine einzige Matschgrube ist, da tagelanger Regen die kompletten Wege aufgeschwemmt hat. Dafür ist die Kletterpartie auf den Felsen und Udos Freude beim ins Wasser springen umso schöner.
Der Roadtrip beginnt
Nach einigem Überlegen, wie es Sinn macht und wir es am besten anstellen, leihen wir uns einen kleinen Mietwagen und entschließen uns, die nächsten drei Wochen zu einem Roadtrip entlang Brasiliens Costa Verde von Florianópolis bis nach Rio de Janeiro zu machen. Nach unzähligen Touren in Bussen, Booten und Taxis ist ein “eigenes” Auto eine richtig schöne Abwechslung. Ui, wir freuen uns richtig, da kommen nostalgische Gefühle von unserer ersten längeren gemeinsamen Reise nach Südafrika auf, bei der wir vier Wochen lang im kleinen Autochen von Johannesburg bis Kapstadt gefahren sind.
Mit unserer neu gewonnenen Mobilität erkunden wir ein paar weitere Ecken der Insel Santa Catarina, spazieren über windige Wanderdünen, sammeln ein bisschen Beweismaterial vom schönsten, weichsten, weißen Sand ein und finden in einem netten Restaurant dekorativ Schwammkürbisse dort hängen, wo andernorts Weinranken oder Goldregen wachsen dürfen. “Guck mal hier, das sind die Schwämme, die du zu Hause bei dm kaufen kannst”, meint mein Flora-versierter Freund. Wo ich erstmal nichts außer überdimensional wirkende Gurken erkenne, identifiziert er – wie so häufig – zielsicher das lokale, exotische Gewächs.
Als letzten Stopp der Insel kehren wir in ein uriges Restaurant ein, in dem wir einen der gastronomischen Vorzüge Brasiliens kennenlernen: Das Buffet Livre, ein all-you-can-eat Buffet, das – zumindest in diesem Restaurant– keine Wünsche offen lässt. Neben etlichen schmackhaften Angeboten feiern wir vor allem den leckeren Mangosalat mit Zwiebeln und den Apfelsalat mit Kokos, von dem wir uns beide mehrfach einen Nachschlag holen. Danach gibt es zur Krönung noch ein herrliches Mousse au chocolat mit frischen Früchten (auch wieder mit mehrfachem Nachschlag 😇).
Begleitet wird unser Festmahl von einem besonders schönen exotischen Moment: Beim Essen auf der Veranda sind wir von einem Schwarm kleiner grüner Papageien umgeben, die sich immer wieder zwitschernd und flatternd an Nachbars Vogelhaus im Garten ergötzen.
Deutsche in Brasilien
Schließlich verlassen wir die Insel Santa Catarina und machen uns auf gen Norden. Nächster Stopp: Blumenau. Die Stadt wurde 1850 von deutschen Einwanderern gegründet und soll dank ihrer Fachwerkhäuser ein beliebtes Besuchsziel sein. Tatsächlich werden die Erwartungen aber höher gesteckt als nötig. Hier und da gibt es ein vereinzeltes Fachwerkhaus (meist auch nur dekorativ und nicht echt), was der ansonsten wenig ansehnlichen Stadt kaum Aufschwung verleiht. Neben heftigen Regenschauern klappern wir in den trockenen Minuten hier und da ein paar “sehenswerte” Punkte ab, unter anderem eine Art Disney Palast, den sich jemand als Wohnhaus hingebaut hat, aber mehr als ein leichtes Schmunzeln entlockt uns der Ort insgesamt nicht. Auch die nachgestellte Oktoberfest-Wiese entspricht eher der Vorstellung, die Brasilianer wohl vom deutschen Oktoberfest haben, als der tatsächlichen Version. Naja, zumindest mal was anderes zu sehen als bisher. Und die Biersorten sind immerhin lustig. Neben bekannten Marken wie Spaten gibt es auch Eisenbahnbier und Opa Bier 😂
Working in Curitiba
Unser nächster längerer Stopp ist Curitiba. Viele andere Reisende, die wir getroffen haben, haben auch hier Halt gemacht, und so lernen wir vorab schon mal, wie man den Ort richtig ausspricht: Kurietschiba. Typisch brasilianisch, da wird, wann immer es geht, ein tsch ins Wort mit eingebaut.
Wie in allen bisherigen Unterkünften in Brasilien, haut uns auch hier die Unterkunft nicht gerade aus den Latschen. Aber wir wollen hauptsächlich eine Arbeitsphase einlegen und dafür reicht’s.

Von der Stadt sehen wir daher die meiste Zeit nicht viel. Dass es durchgehend nur 18 Grad hat und andauernd regnet, lockt uns zudem nicht wirklich vor die Tür. Wenn man auf über 30 Grad eingestellt ist, können 18 Grad ganz schön frisch sein. Ich habe noch die Meldungen von den Hitzerekorden in Brasilien wenige Monate vorher im Ohr. Bis weit über 40 Grad und das war im brasilianischen Frühling. Jetzt ist Sommer! Gegraut hat es mir vor der Hitze, und ich hab sogar gezweifelt, ob wir hier überhaupt hinreisen sollten, wenn es so krass heiß ist. Um dann hier bei 18 Grad und Regen die zweite Überziehjacke aus dem Koffer zu kramen 😒
Generell kam, seit wir in Brasilien sind, so viel Wasser runter wie noch nirgends auf der gesamten Reise. Bis jetzt kannten wir heftige Schauer, die absehbar wieder vorbei waren und es schnell wieder trocken wurde. In dieser Küstenregion hier erleben wir dagegen eher das an Norddeutschland erinnernde Modell: es regnet ständig und hört gefühlt gar nicht mehr auf.
Morretes
Außer ein paar Runden Beer Pong im Hostel – was eigentlich gar nicht meins ist, ich aber nicht die Spielverderberin sein wollte, und immerhin auch gar nicht schlecht war 😜 – sehen unsere Aktivitäten abseits vom Arbeitsprogramm die ganze Woche über recht überschaubar aus. Bevor wir weiter fahren, möchte ich daher das Must-Do-Highlight dieser Gegend mitnehmen: Die Zugfahrt zwischen Curitiba und dem kleinen Örtchen Morretes. Mit einem Uber lassen wir uns eine Stunde bis in den Ort fahren und verbringen dann knapp drei Stunden dort, bevor es mit dem vielversprechenden Zug zurück geht.
Morretes ist ein entspannter Ort mit einem gut erhaltenen historischen Zentrum, gepflasterten Straßen, bunten Kolonialgebäuden und antiken Kirchen. Wir schlendern durch die engen Gassen und freuen uns über das tolle Ambiente, den kleinen Bach, die schönen Häuser, mega Ausblicke auf die umliegenden Berge und die tollen Pflanzen. Hier fällt uns zum ersten Mal auf, dass die Bäume in Brasilien quasi ein eigenes Ökosystem bilden, wenn nicht gar einen kleinen Wald in einem einzigen Baum. Es ist nicht nur ein Baum. Es ist Pflanze in und um Pflanze. Etliche Arten, große und kleine Blätter, Ranken und Moose, Luftwurzeln und Blüten. Und das ist allein der sichtbare Teil.

Nach einem erfrischenden Bier am Wasser und ein bisschen Window Shopping geht es dann auch schon in Richtung Zug. Vorher holen wir uns aber noch den nächsten krassen Regenschauer ab, bei dem wir trotz Regenjacke völlig nass werden, weil die Straßen schon nach wenigen Minuten wieder vollkommen geflutet sind …
Die schönste Zugfahrt überhaupt 😍
Kaum, dass wir Platz genommen und mit unseren nassen Sachen die Sitze schön vollgesifft haben, klart es auf schenkt uns für die gesamte Zugfahrt zurück nach Curitiba das schönste Wetter, das wir und für dieses Erlebnis vorstellen können. Was für ein Glück!!! Auf die Minute wird es trocken und schön und die Fahrt kann losgehen.
Nicht ohne Grund gehört diese Zugfahrt zu den beliebtesten Transportmöglichkeiten hier, denn die Fahrt ist einfach nur malerisch. Durch spektakuläre Landschaften, tiefe Täler, über hohe Brücken, durch lange Bergtunnel und mit atemberaubendem Ausblick auf den Regenwald. Die Fenster können geöffnet werden und so hängen wir die ganze Zeit am und aus dem Fenster und müssen öfter sogar den Kopf einziehen, weil die Vegetation so nah ist. Das Handy legen wir keine Minute aus der Hand. So viele Fotos haben wir bisher noch auf keiner Zugfahrt gemacht 😀 Und die Messlatte lag hoch, waren wir immerhin von der Zugfahrt zum Machu Picchu in Peru auch ganz schön beeindruckt. Aber diese hier toppt alles bisherige.

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