An(ge)kommen
Es fühlte sich komisch an: “Morgen fliege ich nach Kolumbien”. Ich hätte auch sagen können “Morgen fliege ich zum Mars”. Obwohl Kolumbien bereits Nummer 40 meiner bisher bereisten Länder einnimmt, fühlt sich jedes neue Land vorher immer fremd an. Unbekannt. In gewisser Weise unbequem.
Alles Fremde ist nur fremd, wenn der Fremde es nicht kennt.
frei nach dem schönen Lied von Pocahontas
So auch jedes neue Land. Es ist fremd; solange man es nicht kennt. Umso herrlicher und bereichernder finde ich jedes Mal die Erfahrung, wenn die Fremde zur Vertrauten wird. In Kolumbien ging das zu meiner besonderen Freude ganz schnell. Nach dem ersten Wiedersehen in Miami konnten Udo und ich ab Sekunde 1 anfangen zu entspannen und zu genießen.
Erste Gedanken in Kolumbien
- Ich kann atmen! Und ganztags draußen sein, ohne in der Hitze zu zerfließen.
- Ich kann offene Haare oder einen langen Zopf tragen, und nicht nur einen engen Haarknoten, weil die Haare sonst permanent am Hals kleben.
- Es gibt GANZ EINFACH leckeres, vegetarisch/veganes Essen zu finden und das auch noch in Bio-Qualität 😍 (Kommentar vom Staff in Unterkunft bei Frage nach dem Frühstück: “Ja, es ist vegetarisch. Ihr [Europäer] seid doch fast alle Vegetarier.”)
- Es gibt ein Shoppingcenter! Mit schönen Sachen! Nicht, dass ich die Shoppingqueen wäre oder überhaupt etwas kaufen würde. Aber ich könnte, wenn ich wollte. Das macht einen riesen Unterschied. Gab es bisher doch hauptsächlich Kleidung in Stoffen, Schnitten, Qualität, und Optik, die eher nicht in Frage kamen.
Nicht zu viel versprochen – die Stadt Medellín
Entspannte und fröhliche Tage zusammen verbringen wir in der Stadt Medellín. Es fühlt sich leicht an. So hatte ich es mir gewünscht. Der allgemeine Lebensstandard scheint (durch die oberflächliche Touristenbrille geblickt) dem europäischen in vielen Belangen ähnlich. Kombiniert mit exotischer Flora, die wir bisher schon kennen und lieben lernen durften, ergibt sich ein besonders liebreizender Mix: Exotik im Vertrauten. Ganz mein Fall 😀
Wir genießen das jeden Tag frische (!) vegane (!) Mittagsmenü direkt gegenüber (!) und schauen uns einige Sehenswürdigkeiten der Stadt an: Das im ursprünglichen Stil nachgebaute Dorf Pueblito Paisa, den botanischen Garten und die Comuna 13; eines der ehemals gefährlichsten Stadtviertel der Welt – heute ein Viertel voller Geschichte, Kunst und Moderne. Unglaublich! Durch die Geschichten unseres Tour Guides tauchen wir in eine völlig andere, zum Glück vergangene, Welt ein.
Wer sich traut, gewinnt 🙃
“Oh, wenn ihr in Kolumbien seid, könnt ihr bei meinen Eltern bleiben, die haben eine super schöne Finca, es wird euch dort sehr gefallen” – so in etwa lautete die Reaktion meiner lieben Freundin Maria in Bremen. Einige Monate vor Abreise hatte ich in unserer Mädelsgruppe erzählt, dass wir mehrere Monate nach Lateinamerika wollen. Damals wussten wir nur: Wir starten in Mexiko. Der Rest war noch völlig offen. Genauso unverbindlich und hypothetisch war da auch noch die Idee, tatsächlich nach Kolumbien, und tatsächlich zu dieser Finca zu kommen.
Jetzt sind wir in Medellín. Unweit der Finca. Was soll überhaupt eine Finca genau sein? Wissen wir gar nicht. Maria hat schon mit ihrer Mutter gesprochen. Ich soll mich mal bei ihr melden. Kloß im Hals. Bei einer Mama in Kolumbien, die ich nicht kenne. Auf Spanisch. Was bei mir immer noch weit entfernt von fließend oder perfekt ist.
Oh Mann. Was sagt man denn da? „Ey moin, hab gehört, ihr habt voll die coole Finca, können wir da mal paar Tage pennen?“ Wie erwische ich denn den richtigen Ton, wenn ich ihn gar nicht kenne? Schließlich will ich mich und uns ja auch vor Maria nicht völlig blamieren. Tausend Gedanken mache ich mir vorab. Schließlich kann ich es nicht weiter hinauszögern und schreibe Marias Mom, unbekannterweise.
Hab ich noch nie gemacht, könnte ja gut werden, rede ich mir ein. Und ich würde mich sowas von ärgern, wenn ich diese Gelegenheit verstreichen lassen würde.
Das Leben auf der Finca
Was für ein riesiges gedankliches Monster ich mir da mal wieder selbst geschaffen habe – so überflüssig. Es hätte nicht besser laufen können. Unser bisheriger Eindruck der Kolumbianer: sehr nett, zuvorkommend und willkommen heißend, wird von Marias lieben Eltern Juan und Juana nochmal vervielfacht. Sie holen uns direkt von unserem Hostel in Medellín ab und fahren mit uns die ca. 45 Minuten bis zur Finca nahe Guarne, einem kleinen süßen Ort vor Medellín. Zwar wird mir am Anfang jedes Mal ein bisschen warm vor Nervosität, wenn die beiden uns was fragen, weil ich das mit dem Spanisch gut hinkriegen will, aber das ist nur mein Thema. Entspannter, angenehmer und herzlicher hätten die beiden uns den Empfang nicht machen können.
Für die kommenden zwei Wochen finden wir unser neues home away from home in der Finca von Marias Eltern: einem schönen Landhaus mit fünf Schlafzimmern auf zwei Etagen, einem großen Ess- und Wohnbereich mit offener Wohnküche und einem gigantischen Garten mit Terrasse, von wo aus man über das gesamte Tal blicken kann. Ein Traum, den wir die meiste Zeit der Woche nur für uns haben.
Wir lieben es. Hier finden wir Zeit und Raum für unsere Arbeitsthemen, für neue Ideen, für Inspiration, für Gespräche, Gedanken und süßes Nichtstun. Ohne planen, organisieren, entscheiden zu müssen. Ein Ort der Ruhe, zum Auftanken –wenn man die Rasenmähergeräusche und das Hundegebell der umliegenden Grundstücke ausblendet 😉.
Besonders schön: Im Garten wachsen super viele Früchte, Gemüse und Kräuter, die wir zum Teil erstmal gar nicht erkennen. So gibt es, wenn man weiß, wie alles aussieht, Guaven, Guayabas, Oregano, verschiedene Salate, Avocados und vieles mehr. Außerdem freuen wir uns tagtäglich über tierischen Besuch: Neben dem Nachbarshund Mona schauen regelmäßig viele bunte Vögel vorbei. Wir lernen dabei Barranqueros mit ihren beeindruckend langen Schwanzfedern kennen, ebenso wie die kleinen blaue Azulejos und sogar einen kleinen grünen Toucan.
Intermezzo
Damit wir aus unserem bisherigen Abenteuermodus heraus nicht gleich gänzlich der langen Weile verfallen, sorgt Udo derweil dafür, dass der Puls mal wieder ordentlich hoch geht: Ein akuter Infekt haut ihn von jetzt auf gleich mal eben ziemlich aus den Latschen und eröffnet uns damit die Gelegenheit mal auszuprobieren, wie man am besten von einer Finca auf dem Berg, deren Adresse man nicht kennt, in die nächstgelegene Notaufnahme in dem Ort kommt, der 40 Minuten Fußmarsch entfernt ist. Besonders passend, da wir zu diesem Zeitpunkt gerade alleine in der Finca sind. Mit Nachbars Hilfe, einem Bekannten mit Auto, einigen Stunden Zeitverzug und vier Infusionen später ist Udo schließlich einigermaßen wiederhergestellt. Und ich gefühlte 3 kg leichter von der ganzen Aufregung 😅🙈
Feels like Family
Abgesehen von dem kleinen medizinischen Adrenalinkick, bei dem Juana von Medellín aus mit Rat und Tat am Telefon hilft (puh, so kann man als Gast auch für Erinnerungen sorgen…), unternehmen wir ab und zu etwas gemeinsam mit Juana, Juan und Hund Rocky. Die beiden sind so lieb und zeigen uns die schönsten Seiten der tollen Umgebung: den Ort Guarne mit seinen besten Restaurants und Cafés, die fantastischen bergig-grünen Landschaftsstriche auf dem Weg zur faszinierenden Seenlandschaft um Guatapé mit seinem bekannten Fels und den knapp 700 Stufen nach oben.
Außerdem genießen wir zusammen den besten Ausblick über die Stadt Medellín mit der Seilbahn, besuchen den riesigen Parque Arví und verbringen lustige Familienabende mit Memory spielen und Namen raten. Dann und wann kommen wir außerdem in den herrlichen Genuss von Juanas genialen Kochkünsten – es fühlt sich wirklich wie Familie an.
Obwohl wir uns vor kurzem erst kennengelernt haben, haben wir alle das Gefühl, uns schon viel länger zu kennen. Es ist herrlich, wie gut alles funktioniert und wie toll wir uns verstehen. Nachteil: Das macht unseren Abschied nach zwei Wochen umso schwerer. Mit Wasser in den Augen versprechen wir uns, dass dies nicht unser letztes Treffen gewesen sein wird. Mal sehen, wo das nächste Mal sein wird: In Deutschland, oder wieder Kolumbien? Juana und Juan: Vielen Dank für die wunderbare Zeit. Sie hat unserer Reise ein Hauch von Familiengefühl verliehen und damit zu etwas Besonderem gemacht.
Exotische Momente
- Schnallen wie Oregano als Pflanze aussieht, und Guave und Guanabana
- Toucane, Barranqueros und Kolibris im Garten beobachten, wie sie sich frische Papaya schmecken lassen
- Stabheuschrecke an der Küchentür finden (die können sogar am Glas sitzen)
- Sonnenbrand auf der Terrasse holen, während in Deutschland der Winter einbricht und die Weihnachtsmärkte eröffnen
- Zutaten zum Kochen aus dem Garten holen (für uns Stadtmenschen sehr exotisch 😂)
- ein älterer Mann (75+) drückt mir im Bus ein Bonbon und einen Taler in die Hand und fängt an, mir seine Geschichte zu erzählen, die ich im Lärm vom Bus und bei schnellem Reden leider kaum verstehe. Ich glaube, es ging um gute Nachbarschaft, wie viel sich in den letzten 40 Jahren in der Gegend verändert hat. Und er dachte wohl, dass wir katholisch sind. Das sind hier die meisten. Als Touristen hat er uns wohl nicht wahrgenommen 😬
Essen, das wir hier kennengelernt haben
- Alles, was Juana kocht und was gleichzeitig das beste Essen ist Kolumbien ist ❤️
- Patacones (gestampfte Kochbananen)
- Buñuelos (runde Teigbällchen mit Käse)
- Bandeja Paisa (Nationalgericht mit Reis, Bohnen, Avocado, Kochbananen)
- Hogao (Tomaten, Zwiebeln, Koriander)
- Agua Panela (Limonade aus und mit Rohrzucker)

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